01.04.2011

FührerINNEN gesucht: Wider die McKultur in der Unternehmensführung

Helge E. Baas (BAAS Leadership)

Wirtschaft und Gesellschaft sehnen sich nach echten Führungspersönlichkeiten. Unternehmen benötigen umsichtige Führung, keine krisenschwachen Jünger des Kapitals. Der ‚gleichgeschaltete Manager-Typ‘ der globalen McKultur hat ausgedient. Barack Obama mag als Beispiel einer vorbildlichen Persönlichkeit der politischen Klasse noch mehrheitsfähig sein. Mit Blick auf die Wirtschaftswelt wird sich hingegen kein allseits respektierter Kopf mehr finden lassen. Warum gibt es diesen Obama CEO (Chief Executive Officer) eigentlich nicht? Was zeichnet einen verantwortlichen Unternehmensführer 2020 überhaupt aus? Und worin genau besteht das Problem mit der gegenwärtigen Manager-Generation?
Unternehmen funktionieren wie Stadtstaaten mit autoritären Machtstrukturen. Sie gleichen mehr Sparta als Athen. Im Grunde ein idealer Boden für charismatisch-starke Führung. Allerdings ist diese Uniformität Sparta auch zum Verhängnis geworden. So wie jede gute Armee benötigen Unternehmen eben „Staatsbürger in Uniform“. Menschen, die sich ihrer selbst und dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, die ihren eigenen Kopf haben und mitdenken, ihr Gewissen nicht beim Firmenpförtner ablegen. Postmoderne Personalpolitik mag – wie die gesamte Erziehung und Bildung – offener sein als früher. Dafür setzt sie auf politisch korrekte Angleichung der Unterschiede und freiwillige Anpassung der Führungskräfte. Wer in einem großen Unternehmen etwas werden will, darf mittlerweile ausländisch, homosexuell, alleinerziehend sein. Sie oder er sollte indes durch keinerlei Meinungs- und Verhaltensäußerungen mehr auffallen, die die Mainstream Betriebskultur in Wallungen versetzen könnten. Obwohl ein bisschen Sand noch keinem starken Getriebe geschadet hat. Work-Life-Balance auf der Karriereleiter ja, im Leben stehende Persönlichkeiten nein. So bringt ein Unternehmen zwar Top-Manager hervor, aber keine Konzern-Lenker. Ein systemimmanentes Problem.

Man besinne sich auf die Unternehmenskultur des rheinischen Kapitalismus: gelebte Sozialpartnerschaft in Großunternehmen und fürsorgliche Familienunternehmer in kleinen/mittelständischen Firmen. Die Vertreter der sozialen Marktwirtschaft waren noch keine überbezahlten, stromlinienförmigen Individualisten, sondern mehrheitlich integer. Geleitet vom Ethos eines ehrbaren Kaufmanns. Vorausschauend logisch kalkulierend. Und voll Pathos für die Firma. Selbstverständlich macht es keinen Sinn, mit den regionalen Rezepten von damals den Zwängen des globalen Raubtier-Kapitalismus von heute beikommen zu wollen. Auch passen so übergroße wie umstrittene Gestalten vom Schlage eines Hermann Josef Abs nicht mehr in die heutige Zeit. Weitsichtig, wertkonservativ, entschlossen und doch viel zu autoritär, zu wenig im Team. Dann eher der Nachfolger Alfred Herrhausen, der Visionäre, der Mutige, der Aufgeschlossene. Mit seinem Einsatz für eine Entschuldung lateinamerikanischer Länder hatte er sich mehr den ‚Klassenfeind‘ als die RAF zum Feind gemacht. Starke Führung im Sinne hohen ethischen Leitungsanspruchs tut eben nach wie vor Not. Nur kommunikativer, kooperativer, mehr mit den Menschen sollte sie praktiziert werden, insofern femininer. Niemand spräche der biblischen Gestalt Moses den Rang eines guten Führers ab. Der war Unternehmensvisionär, Vorstandsvorsitzender und Arbeitsdirektor, Vater UND Mutter in einer Person. Es mangelt in der Unternehmenswelt 2010 mithin an – insbesondere weiblichen – Führungspersönlichkeiten mit ureigener und gleichzeitig weicher Kante. Barack & Michelle Obama for Business. Wir benötigen SELBSTverantwortliche und damit überhaupt erst verantwortliche Unternehmensführer einer neuen Art: standhaft wie die Patriarchen der Gründerzeit und aufrichtig wie die Ikonen der Frauenbewegung, prinzipientreu und wertoffen zugleich. Eine Frauenquote in Führungsetagen deutscher Großunternehmen ist ein Anfang, natürlich nicht die Lösung.

Gute Führungskultur erwächst aus der wahrhaftigen Haltung ihrer Träger, einer persönlichen Balance von Durchlässigkeit und Standfestigkeit: visionär, kraftvoll, integrativ. Auch der Management-Guru Jim Collins räumt persönlicher Integrität in der Unternehmensführung höchste Priorität ein. Momentan steht die Manager-Kaste indes unter Generalverdacht. Sie seien kurzsichtig, raffgierig und illoyal, Nieten in Nadelstreifen. Atemberaubende Boni für Fehlinvestitionen, goldener Handschlag nach der Firmenpleite. Vom Aufsichtsrat gebilligt, dem Corporate Governance Kodex zum Trotz. Das leistet solcher Voreingenommenheit Vorschub. Im Regelfall ist die Luft um einen Vorstandsvorsitzenden hingegen ziemlich dünn, wiegt die alleinige Verantwortung schwer genug. Alle wollen ’was. Umsonst tut sich das keiner an. Das eigentliche Problem offenbart ein nüchterner Blick hinter die Kulissen der Managementberater. Die klassischen Unternehmensberatungen helfen Vorständen wie Geschäftsführern, Strukturen und Prozesse für den Wettbewerb effizienter sowie ggf. nachhaltiger zu gestalten. Soweit, so gut. Was diesem Shareholder-Value-Denken und Renditestreben allerdings fehlt, ist die Balance von sozial und ökonomisch. Die Unternehmen leben doch von der Mehrzahl durchschnittlicher ‚Performer & Consumer‘. Und die wollen genauso ernstgenommen werden, gefördert und gefordert. Gute Führung bedeutet immer gute MENSCHENführung und verlangt weitaus mehr als gute Kennzahlen. Einen Moderator, der mehr auf individuelle Leistungsbefähigung denn rationale Arbeitsplanung setzt. Antoine de Saint-Exupery: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, [...] lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Diese Einsicht geht nicht nur den unsicher-übermotivierten Jungspunden der üblichen Verdächtigen oft ab. Ganzheitlich-Strategische Führung lernt man jedenfalls woanders. Etwa in einem der vielen vorbildlichen Familienunternehmen, wo jeder Mitarbeiter und Handel gilt.


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